(Desiree Schmalzkopf an Stefanie Glimmer – 4/9/2011, um 23:15)
Frau Glimmer,
Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Soeben habe ich mich nach Hause gerettet; ich bin patschnass, mein Kleid stinkt und meine Wut ist mit Worten nicht mehr auszudrücken! Und trotz meiner gerechtfertigten, blutroten Empörung, muss ich mich nun dazu herablassen, dieses unaufschiebbare Schreiben an Sie zu verfassen.
Zunächst teile ich Ihnen folgendes mit: Ich empfand es als niederträchtige Garstigkeit, dass Sie mich ganze vier Tage warten ließen, ehe Sie sich endlich dazu durchrangen, meine letzte E-Mail zu beantworten. Die absichtliche Boshaftigkeit, die jedes Ihrer Worte unterstrich, war nicht zu übersehen. Alleine, dass Sie Ihr erstes “Sie” unter Anführungszeichen setzten, verdeutlicht Ihre Charakterlosigkeit wie ein Wahrzeichen. Frau Glimmer, Sie wissen selbst, ich habe Ihnen niemals das “Du”-Wort angetragen! Das wird mir nicht mal im übernächsten Leben passieren! Genauso wenig werde ich Sie jemals in Ihrer Wohnung besuchen, Sie dreistes Teufelsweib!
Obwohl ich Sie mit Nachdruck darauf aufmerksam machte, dass mich das Wohlbefinden Ihres Papageis nicht interessiert, füllten Sie mit diesem Thema die Hälfte Ihrer von Zweideutigkeiten überschwemmten Antwort. – Welch Überraschung! Ohne jeden Anstand streuten sie Phallussymbole wie Billardqueues ein, lenkten immer wieder vom Thema ab und setzten Ihre heftigsten Angriffe in (Klammer)! Haben es Ihre Eltern verabsäumt, Ihnen Manieren beizubringen?
Doch Ihre sadistischen Streiche kennen keine Grenzen. Sie freches Luder, Sie schlugen mir ein Treffen in der Pizzeria Don Juan vor, und zwar heute um Acht! Ich stimmte augenblicklich zu. Sie beschrieben diese Lokalität als nett und klein, versicherten mir, es würde dort gute Cocktails geben. Nun, ich traf heute um Punkt Acht in dieser “Pizzeria” ein. Viele zwielichtige Proleten beäugten mich, ein unfreundlicher Kellner brachte mir eine antivegetarische Speisekarte, und obendrein war ich von ekligem Zigarettenhauch eingehüllt! Wer nicht anwesend war, das waren Sie! Ganze anderthalb Stunden verschwendete ich in jener abscheulichen, niveaulosen Spielunke, und währenddessen wurde ich sogar von einem Rudel halbstarker Jugendlicher angemacht.
Ich zahlte und verließ das Don Juan, dass mich und meine Geldbörse nie wieder sehen wird. Da ich weiß, dass Sie sich öfters bei meiner ehemaligen Freundin, der stadtbekannten Matratze Lilly Flach aufhalten, vermutete ich Sie dort. Also missachtete ich meinen Stolz und läutete bei Ihr. Als ich Frau Flachs lasterhafte Behausung betrat, traf ich auf verstreute Bierdosen, eine nackte Gogo-Tänzerin und auf Marihuana-Konsumenten, aber nicht auf Sie. Möchten Sie mich an der Nase herumführen?
Denken Sie, ich würde die SMS und Facebook-PNs nicht kennen, die Sie meinem Mann unablässig schicken? Unter uns, keines seiner Passwörter ist mir unbekannt. Ich habe überall Zugang, und daher kenne ich auch Ihre diebischen Pläne, Sie Elster! Lassen Sie die Finger von ihm! Er ist mein Mann!!!! Falls Sie Ihren Raubzug nicht mit sofortiger Wirkung abbrechen, werde ich zu anderen Mitteln greifen, um Sie ruhig zu stellen! Sein sie versichert: Mich wollen Sie nicht zur Feindin!
Dennoch verlangt es mein mir anerzogener Anstand, Ihnen eine allerletzte Chance zu gewähren. Die Besprechung wichtiger Angelegenheiten ist weiterhin ausständig. Mein Gatte fuhr heute auf eine dreitägige Geschäftsreise, und wenn er wiederkommt, möchte ich mich weder weiterhin mit diesem lästigen Thema noch mit ihrer menschenunwürdigen Persönlichkeit befassen! Ich habe besseres zu tun, als mich mit geldgeilen Ludern wie ihnen herumzuschlagen! Finden Sie sich morgen um Sieben in der Skybar ein; andernfalls findet meine Geduld übermorgen ein jähes Ende!
PS: Ihre Höflichkeitsfloskeln – damit meine ich Hochgeschätzte, Teuerste, Süße und so weiter – rauben mir kostbare Lebenszeit! Ich würde mich freuen, diese hinterlistigen Lückenfüller nicht mehr lesen zu müssen.
Ohne Grüße,
Desiree Schmalzkopf-Sauerbaum
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(Stefanie Glimmer an Desiree Schmalzkopf – 9/9/2011)
Schmalzkopf-Sauerbaum,
Ich bin untröstlich. Als ich Ihre lustige E-Mail empfing, war ich bereits am Weg zum Flughafen. Wissen Sie, ich arbeite jetzt für Ihren Mann. Juhu, er hat mich als persönliche Sekretärin angestellt, und mein erster Arbeitsauftrag lautete, ihn nach Paris zu begleiten. Wir erledigten dort viel Geschäftliches und hatten wunderschönes Wetter. Es war traumhaft! Ich wünschte, Sie wären auch dabei gewesen.
Dass ich Sie mit der Gesundheit meines Papageis gequält habe, schmerzt mich im Herzen. Allerdings wundere ich mich doch ein bisschen über Sie. Sind Sie nicht eine fehlerlose Vorzeigedame, die ihre Abneigung gegen Fleisch- und Milchkonsum, ebenso wie ihre Tierliebe der halben Welt auf die Nase bindet? Sehen Sie, manche Leute behaupten, Sie wären sogar in diesen Dingen eine Schummlerin, würden Ihre weltwichtigen Einstellungen, wie auch Ihr Haus, Ihre Ehe und vieles mehr, bloß zum Angeben, noch mehr zum Verschleiern ihres komplexbehafteten, gewöhnlichen, wahren Ichs benutzen, aber ich war eigentlich schon von Ihrer Tugendhaftigkeit überzeugt. Wie auch immer, Sie dürfen beruhigt sein: ich werde Sie nie wieder mit animalischen Geschichten belästigen.
Her je, und noch einmal muss ich Benno erwähnen. Kurz vor unserem Rendezvous ist er leider gestorben. Das war aber nicht der Grund, weshalb Sie alleine blieben. Ich wollte Sie einfach nicht sehen. Abends, Sie haben Recht, wird das Don Juan wahrhaftig von einem Völkchen besiedelt, das man in Ihren Kreisen nicht gewohnt ist. Schmalzkopf-Sauerbaum, es tut mir aufrichtig leid, dass Sie derartigen Frechheiten ausgesetzt waren. Und erst ihr stinkendes Kleid!… Werden Sie jemals darüber hinwegkommen? Anbei schicke ich Ihnen die Nummer einer bekannten Society-Therapeutin. Gerne wird Sie mit ihnen einen Termin vereinbaren. Übrigens, die Dame beschäftigt sich mit Wahrsagerei und hat schon einige Selbsthilfebücher verfasst! Die Stunde kostet 280 Euro, aber das ist ja für Ihre Börse momentan ein Spottpreis.
Dennoch muss ich zum Abschluss etwas Anderes ansprechen: Schmalzkopf-Sauerbaum, die Ausschweifungen ihrer E-Mail waren nicht sehr hübsch. Nicht nur, dass Sie mich charakterlos, frech und dreist nannten, mich als Teufelsweib und sonst was bezeichneten, nein, sie haben mir auch gedroht, und das kann ich so nicht auf mir sitzen lassen. Schließlich habe auch ich einen Ruf zu verteidigen.
Außerdem verstehe ich nicht ganz, weshalb Sie sich vor mir als Heilige darstellen möchten. Frau Flach zum Beispiel, die erzählte mir ein paar interessante Anekdoten aus ihrer Vergangenheit. Unter anderem zeigte Sie mir ein Video, auf dem sie mit ihrem Cousin Fridolin bei unkeuschen Handlungen zu sehen sind. Ist das nicht Inzest? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sehr erfreut wären, wenn dieses Filmchen in der dichtvernetzten Online-Welt auftauchen würde, Sie Bezirksberühmtheit!
Ach ja, Anstand besitze ich meines Wissens nach auch: Ich verwahre die pikanten Fotos, die mir Frau Flach ebenfalls überspielt hat, einstweilen auf meiner Festplatte. Ich bin sicher, Sie wissen welche ich meine: Aufnahmedatum 3/8/2011. Sollten Sie mich allerdings weiterhin bedrohen, werde ich keine Anzeige gegen Sie erstatten, nein, dann zeige ich den Tabustreifen und die Bilder Ihrem Gatten. Ehebruch kann bei einer Scheidung, die mitunter sogar die nobelsten Beziehungen trifft, eine hässliche, weil unprofitable Sache sein. Wie ich hörte, haben Sie ja keinen Job. Zwar rühmen Sie sich überall als reiche Unabhängige, aber in Wahrheit hängen Sie doch wie eine Schmarotzerin an der Geldtasche von, Sie wissen schon…
Nun, Schmalzkopf-bald einstige Sauerbaum, von meiner Seite wäre es das. Zumindest beinahe, wie mir gerade einfällt: Ihr Gatte möchte nämlich, dass ich bei ihm, das heißt in Ihr Noch-Haus einziehe. Er sagte, er würde Ihnen den Chiwawa und die Schminkstühle überlassen, aber vor allem die Putzfrau, denn er betonte nachdrücklich, Sie könnten ohne Bedienerin nicht leben, da Sie zu nobel wären, um Ihren Dreck selbst wegzuräumen, Sie selbständige Sauberfrau! Tja, ich dachte jedenfalls, Sie könnten vorübergehend in meine Wohnung ziehen. Die Miete beträgt bloß 1100 Euro. Mein neuer Freund und ich, wir möchten Sie unter keinen Umständen obdachlos sehen. Hätten Sie Lust?
Stefanie Glimmer
(Hier endet die Korrespondenz der feinen Damen.)
© WWW, 12/9/2011
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